PSYCHOLOGISCHE UNTERSTÜTZUNG FÜR PFLEGENDE ANGEHÖRIGE


"Ich kann nicht mehr..."

Wie Angehörige manchmal denken und fühlen

Angehörige berichten, wie die Pflege eines nahestehenden Menschen sie an die Grenzen ihrer körperlichen und seelischen Kraft gebracht hat.
Wie hat sich die stetige Belastung auf ihr Leben ausgewirkt und welche Gedanken haben sie dabei beschäftigt?


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„. . . meine Mutter wird immer mehr zum Kind“

Früher war meine Mutter eine tatkräftige Frau. Immer wusste sie genau, wo es langgeht. Manchmal habe ich mich bevormundet gefühlt. Als sie wegen ihrer Vergesslichkeit nicht mehr allein leben konnte, haben wir sie in unser Haus geholt. Meine Mutter wird immer mehr zum Kind. Inzwischen trifft sie keine Entscheidung mehr allein. Bei jeder Kleinigkeit fragt sie mich um Rat und Hilfe. Ich habe Angst, dass ich sie bald bemuttern muss, als wäre sie meine eigene Tochter.

Karin, 51 Jahre

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„. . . mein Vater erkennt mich nicht mehr“

Seit drei Jahren pflege ich meinen Vater. Er hat Alzheimer. Sogar nachts muss ich mich um ihn kümmern, wenn er durch unsere Wohnung wandert und nach Hause will. Tagsüber ist er manchmal in der Pflegestation, und auch mein Mann hilft, so gut es geht. Aber langsam geht mir die Puste aus. Besonders schlimm ist es, wenn mein Vater mich nicht mehr erkennt. Dankbarkeit spüre ich kaum. Manchmal wird er sogar aggressiv.

Maria, 60 Jahre

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„. . . allmählich werde ich einsam"

Ich betreue meine Mutter rund um die Uhr. Dadurch komme ich zu nichts mehr: Seit Wochen möchte ich mich mal wieder mit meiner Freundin treffen, aber immer kommt mir im letzten Moment etwas dazwischen. Sogar aus meinem Chor habe ich mich jetzt abgemeldet, weil ich nie Zeit für die Proben habe. Es ist zum verrückt werden, und allmählich werde ich immer einsamer. Zu Besuch mag auch fast niemand mehr kommen.

Brigitte, 58 Jahre

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". . . ich habe ein schlechtes Gewissen"

Mein Mann und ich wollten, dass meine Schwiegermutter bei uns wohnt. Aber dann stellte sich heraus, das sie eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung braucht. Dafür hätte ich meinen Beruf aufgeben müssen. So haben mein Mann und ich sehr schweren Herzens entschieden, seine Mutter in einem Seniorenstift unterzubringen. Wir sind sicher, dass es die richtige Entscheidung war. Trotzdem fühlen wir uns oft nicht gut damit. Bei unseren häufigen Besuchen kommen auch immer wieder angedeutete Vorwürfe von ihr.

Annegret und Thomas, beide 50 Jahre

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". . . mir wächst alles über den Kopf"

Vor zwei Jahren wurde meine Tante pflegebedürftig. Ich war ihre einzige Verwandte, also kümmerte ich mich um sie. Aber inzwischen wächst mir alles über den Kopf - die tägliche Pflege, ständig ist irgendetwas, ständig ruft sie nach mir. Und jeden Tag das gleiche Gejammer, ich kann es nicht mehr ertragen. Wie soll es weitergehen? Mir ist selbst nur noch zum Jammern. Ich fühle mich immer erschöpft und müde, richtig am Ende. Nichts macht mehr Freude. Von meinen letzten Freunden ziehe ich mich immer mehr zurück.

Lisa, 46 Jahre

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". . . mein Mann bringt mich zur Weißglut"

Mein Mann leidet seit Jahren unter Parkinson. Ich weiß, es ist eine schwere Krankheit, aber für mich ist es auch schwer, ihn so zu sehen. Besonders beim Essen wird es oft sehr unappetitlich, wenn alles daneben fällt. Dann schäme ich mich fast für ihn. Ja, und dann herrsche ich ihn auch mal an, er soll sich zusammennehmen und sich nicht wie ein Kind benehmen. Meistens macht er dann aber das Gegenteil, er zittert noch mehr, das bringt mich fast zur Weißglut....“

Anne, 68 Jahre

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". . . und dann rutscht mir schon mal die Bürste aus"

Meine eigene Familie, die Pflege der Schwiegermutter und mein neuer Job, den ich so lange gesucht habe, nachdem die Kinder jetzt etwas größer sind – es ist wirklich schwer, alles unter einen Hut zu bringen. Wenn ich vor der Arbeit meiner Schwiegermutter beim Aufstehen, Anziehen und mit dem Frühstück helfe, werde ich leicht ungeduldig, wenn sie so langsam ist. Macht sie das absichtlich? Oder macht sie sich einfach keine Gedanken, dass ich zu spät zur Arbeit komme? Wenn sie mich so in Rage bringt, werde ich beim Frisieren öfter schon mal richtig grob mit der Bürste.

Kerstin, 43 Jahre

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". . . ich wünschte, Mutter wäre tot"

Manchmal wünsche ich mir, Mutter wäre einfach tot. Ich fühle mich schlecht, wenn ich das sage oder auch nur denke. Aber meine Frau und ich sind durch die lange Pflege meiner Mutter wirklich am Ende. Seit Jahren hatten wir keinen richtigen Urlaub mehr. Während andere Paare oft gemeinsam etwas unternehmen, müssen wir immer passen. Es bleibt keine Zeit für uns selbst. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll.

Peter, 66 Jahre

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". . . ich ekle mich vor meinem Vater"

Ich traue mich kaum, es zu sagen: Mir fällt die Pflege meines Vaters immer schwerer. Am Anfang ging es noch, doch nun braucht er bei der gesamten Körperhygiene Hilfe. Ich schaffe das nicht, denn ich ekle mich richtig vor seinem alten Körper. Ich kann ihn nicht an seinen intimen Stellen waschen. Zum Glück übernehmen meine Geschwister das. Ich schäme mich dafür, denn er ist ja schließlich mein Vater. Aber ich kann es einfach nicht.

Miriam, 58 Jahre

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". . . mein Tag müsste 48 Stunden haben"

Manchmal weiß ich schon morgens nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Kinder, mein Mann, der Chef in der Firma und auch die Oma, für alle bin ich ständig da. Jeden Tag ist so viel zu erledigen und an so viel zu denken. In all dem Chaos habe ich sogar schon mal vergessen, meinen Sohn aus dem Kindergarten abzuholen. Ich darf gar nicht daran denken, wenn ich mal Omas Tabletten vergessen würde. Das wäre richtig schlimm. Mein Tag müsste 48 Stunden haben, sonst halte ich das nicht mehr lange durch.

Andrea, 32 Jahre

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". . . mir tun manchmal alle Knochen weh"

Seit zwei Jahren betreue ich meinen Mann, und langsam werde ich selbst zum Pflegefall. Zwei Mal am Tag kommt eine Pflegekraft, die meinem Mann beim Waschen und Anziehen hilft, aber alles andere mache ich. Oft tun mir alle Knochen und besonders der Rücken weh. Ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste. Zeit zum Ausruhen bleibt selten. Immer öfter schlafe ich schon abends gegen acht vor dem Fernseher ein.

Gerlinde, 71 Jahre

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". . . ich schäme mich, es auszusprechen"

Seit die Demenz meines Mannes zunimmt, „erwische“ ich ihn immer häufiger dabei, wie er sich selbst befriedigt. Am Anfang hat er noch versucht, es zu verheimlichen, aber jetzt macht er sogar einfach weiter, wenn ich in sein Zimmer komme. Ich habe auch Angst, dass die Pflegekraft etwas davon mitbekommt - oder unsere Tochter. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll... Es ist mir so peinlich.

Elisabeth, 75 Jahre

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". . . mein Mann wird plötzlich zudringlich"

Ich verstehe es nicht und es widert mich an: Seit Jahren – schon vor der Diagnose Alzheimer – gab es in unserer Ehe so gut wie kein Sexualleben mehr. Und jetzt auf einmal wird mein Mann immer zudringlicher, ständig will er mich berühren, am liebsten hätte er auch Sex. Aber ich will das nicht. Und wenn ich ihn zurechtweise, dann wird er aggressiv, das macht mir Angst...

Hannelore, 69 Jahre

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